
Lieber Markus,
seit acht Monaten bist du fort, und noch immer versuche ich, die richtigen Worte zu finden. Worte, die weder zu spät kommen noch zu leer klingen. Ich schreibe dir, weil es so vieles gibt, was ungesagt blieb. Weil ich hoffe, dass irgendwo – in welcher Form auch immer – etwas von dir diese Worte noch empfangen kann.
Ich denke oft an unser letztes Gespräch: Ich schnalle Elena am Rücksitz meines Autos an, nachdem wir gemeinsam ihren vierten Geburtstag gefeiert haben. Du hast geholfen die Luftballons vorzubereiten, hast die Kerze auf die Torte gesteckt, Happy Birthday für dein Mäuschen gesungen, hast ihr das Puppenhaus geschenkt, das sie sich so sehr gewünscht hatte. Du warst still (mehr als sonst), dein Blick war abwesend. Traf sich dein Blick mit Elenas, lächeltest du aus ganzem Herzen. Sie war alles für dich. Und du für sie. Ich schnalle sie also an, du sitzt auf dem Asphalt neben dem Auto. Plötzlich sprichst du. Viel. Zusammenhangslos. Mehrere Stunden Schweigen und plötzlich gehst du über vor Worten. Ich spüre Erleichterung darüber, dass du sprichst und höre zu: „Ich habe kein Urvertrauen. Es tut mir so leid. Ich denke, ich bin bald arbeitslos. Was soll nur aus mir werden? Ich hab‘ echt Mist gebaut. Kannst du mir verzeihen? Ich weiß nicht was ich tun soll? Meinst du, dass ich das schaffe? Kann man das was ich habe heilen?“ Ich nicke und bestärke dich, dass der Weg der Therapie, den du beschreitest, ein guter ist. Sicherlich kein leichter, aber ein sehr sehr guter. „Du kannst stolz auf dich sein, Markus.“, sage ich weiter, um dir Mut zu machen und ich denke still in mich hinein: „Hätten wir so nicht einfach schon Jahre vorher miteinander sprechen können? Einfach so, ganz normal?“. Die Frage, ob du es schaffen kannst, muss ich dir aus meiner eigenen Erfahrung klar mit Ja beantworten.
Ich schlage vor, dass wir uns die nächsten Tage unter vier Augen sprechen. Du stimmst zu. Wortlos. Du nickst. Im Nachhinein weiß ich, dass du das ohne Worte beantwortet musstest. Dein Entschluss zu gehen stand fest. Du umarmtest mich herzlich, innig, sanft und doch mit Nachdruck. Ich riss meine Augen weit auf, erwidere deine Umarmung zögerlich. „So hast du mich zuletzt 20219 umarmt.“, stottere ich verlegen. „Alles Gute für den Start in der Tagesklinik morgen.“ – „Danke“ – „Also schreiben wir uns, wegen des vier-Augen-Gesprächs.“ – „Ja, wir schreiben uns. Danke.“, antwortest du apathisch. Ich fahre mit unserer Tochter los. Es war das letzte Mal, dass ich dich lebend gesehen habe. Ich sehe im Rückspiegel, dass du rasch zurück ins Haus deiner Mum gehst. Das war’s. Ich denke so oft an die unausgesprochenen Fragen, an die Momente, in denen ich mehr hätte fragen, mehr hätte zuhören sollen. Ich frage mich, ob es eine andere Möglichkeit gegeben hätte, um dir zu beweisen, dass du mit Seelenthemen zu jeder Zeit offene Türen bei mir eingerannt hättest. Hätte ich dir doch noch eine Chance geben sollen? Dem sanften, liebevollen Anteil in dir? Aber die anderen kranken Anteile waren einfach so radikal, so schonungslos die letzten Jahre. Sie hatten so viel kaputt gemacht. Da war keine Basis mehr, kein Vertrauen.
Es gibt ein Bild von uns beiden, aufgenommen vor ein paar Jahren bevor deine Krankheit rasant voranschritt. Du lachst darauf, mit diesem offenen, echten Lachen. Mr. Schabernack. Du verwendest mein schulterlanges Haar zum Spaß als Schnurrbart. Elena mag dieses Foto und sie behält es in ihrem Kinderzimmer. Ich schaue drauf und frage mich, ob es ein Paralleluniversum gibt, wo diese Anteile von dir weiterleben? Eine andere Zeitlinie? Diese Vorstellung tröstet. Schwach, aber sie tröstet. Dein Weg war keiner, den ich je ganz verstehen konnte. Zu diffus waren deine Handlungen und auch zu brutal. Ich weiß nicht, wie schwer die Dunkelheit für dich sein gewesen muss angesichts deiner harten und gnadenlosen Art aus dem Leben zu gehen. Wie laut deine Gedanken an deinem letzten Tag in dir wohl schrien? Ob dir dein Herz bis zum Hals schlug? Paradox ist, dass du dich jetzt in dieser anderen, nicht greifbaren Dimension greifbarer, nahbarer, pragmatisch-liebevoller (falls das überhaupt Sinn macht und verstehbar ist) bist, als die letzten 5 Jahre.
Drei Dinge, die ich gelernt habe
1. Zuhören ist mehr als Hören
Es gibt so viele Momente, in denen wir glauben, jemandem zuzuhören, aber eigentlich warten wir nur auf unsere Gelegenheit zu antworten. Ich wünschte, ich hätte dir öfter einfach nur Raum gegeben, ohne zu denken, dass ich eine Lösung anbieten muss oder zu wissen, was du brauchst (z.B. dass eine Therapie schon kurz nach Elenas Geburt – Retraumatisierung I – oder während der Sanierung unserer Wohnung – Retraumatisierung II – hilfreich für dich gewesen wäre). Vielleicht hätte es gereicht, deine Worte einfach stehen zu lassen, damit du dich gehört fühlst. Vielleicht gab es in deinen Blicken mehr Antworten als in deinen Worten? Und zugleich weiß ich nicht, ob du dir überhaupt jemals diesen Erkenntnisraum eröffnet hättest, egal wodurch: Reisen, wieder klettern oder radfahren gehen wie früher, Squash spielen oder den Kontakt mit deinen ehemaligen besten Freunden wieder aufnehmen.
2. Schmerz versteckt sich hinter einem Lächeln
Du hast oft gelacht, warst gesellig, fleißig mit Hang dich in der Arbeit zu überlasten. Du hast funktioniert, du hast gespielt, als wäre alles in Ordnung, hast verneint jedes Mal, wenn ich fragte, ob wirklich alles in Ordnung wäre, denn deine Energie sprach eine ganz andere und eigene Sprache. Wir sollten nie annehmen, dass es jemandem gut geht, nur weil Arbeit, Kind, Umbau eh laufen. Es braucht manchmal nur eine ehrliche, offene Frage: „Wie geht es dir wirklich?“ – und die Bereitschaft, der Antwort nicht auszuweichen.
3. Schuld und Reue sind keine Lösungen
Ich hätte Dinge anders machen können, das ist wahr. Aber ich weiß auch, dass Schuld und Scham nichts zurückbringen. Es gibt nur eine Person, die verantwortlich ist für deinen Suizid – du selbst. Reue hält mich fest, ließe mich nicht los. Was bleibt, ist die Verantwortung gut für unsere Tochter und für mich selbst da zu sein. Suizid ist eine Möglichkeit. Depression ist eine Krankheit, die einen tödlichen Ausgang haben kann. Das habe ich nun verinnerlicht und ich lasse es in mein Bewusstsein eindringen. Ich würde nichts anders machen. Denn meine Handlungen hätten ohnehin keinen Einfluss auf die Endgültigkeit deiner Entscheidung gehabt. Ich kann nur da sein für die, die sich erweitern wollen, für die, die sich vielleicht verloren fühlen, so wie du dich gefühlt hast. Und für die, die Seelengespräche führen möchten. Ich kann dich nicht zurückholen, Markus, aber ich kann aus deinem Fortgehen etwas lernen und weiterhin für die da sein, die in meinem Feld sein und mit mir ihr Bewusstsein erweitern möchten. Ich erzwinge nichts, ich öffne den Raum.
Ein leiser Abschied
Ich schreibe dir diese Briefe, wohl wissend, dass du sie nicht lesen wirst. Aus therapeutischer Sicht schreibe ich sie für mich, um das Gewicht der Fragen ein wenig zu erleichtern, um das, was täglich in mir arbeitet (und was auch ich häufig durch Leistung oder Dasein für andere zu vertuschen versuche) leben zu lassen und in meine Gefühlswelt zu integrieren. Ich wünschte, ich könnte dich noch einmal sehen, dir sagen, dass du nicht allein bist – dass du nie allein warst.
Vielleicht liest das hier jemand, der sich wiedererkennt. Jemand, der zweifelt, ob sein Dasein einen Unterschied macht. Falls ja, dann bitte ich dich: Sprich mit jemandem. Lass dich sehen. Und wenn du jemanden kennst, der vielleicht in der Dunkelheit steht, dann sieh hin. Höre zu. Und frage einmal mehr nach.
Markus, du fehlst. Aber Elena und ich werden dich tragen – in den Geschichten, in den Erinnerungen, in dem, was wir nun lernen dürfen. Elena und ich sprechen täglich über dich, vor allem über deinen Humor, die lustigen Momente, die zarten-liebevollen Momente, die irgendwo zwischen dieser grauslichen Krankheit immer da waren und von dir zurückbleiben.
„Ich bin nicht tot,
ich tausche nur die Räume.
Ich leb‘ in euch
und geh‘ durch eure Träume.“
–Michelangelo Buonarroti

Liebste Heidi, Kann deine geschrieben Worte und Zeilen sehr gut nachvollziehen , es ist genau wie du es beschreibst. Das nieder zu schreiben heilt und es ist auch schön zu lesen, dass egal was du gemacht hättest, es seine Entscheidung war. Es ist eine Lücke und es sind Fragen die nie eine Antwort erhalten. Ist nur der Mensch in uns, der immer versucht alles zu verstehen. Und dass nur er selbst ganz alleine für sein Handeln verantwortlich war. …und so schön deine Beschreibung, dass du jetzt für deine Liebsten , für Elena und vor allem für dich , da bist und gut sorgst dass es euch gut geht. Liebste Heidi fühl dich gedrückt. Viel Kraft viel Liebe viel Gottes Beistand sende ich dir und deiner Maus Elena,auf diesem Wege.â¤ï¸â¤ï¸â¤ï¸–Gesendet mit der GMX Mail App
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