Ertränkte Einhörner & Rassismus zum Dessert ODER Versteckte Anteile

Szenario: Ladies night. Topic: Batterie- und/ oder Akku-betriebenes Erwachsenenspielzeug aus Polyethylen und anderweitige goodies für grown-up-late-night-entertainment. Der Abend war sehr nett, informativ, eh nicht schmuddelig, wie man es als Laie ja erwarten würde. Einige erheiterte Damen rund um den Tisch versammelt. Gute Gespräche, viele Lacher. Es gab leckere Knabbereien und Gummibonbon-Naschkram in Einhornform, was ich besonders zu schätzen wusste. Denn ich mag zauberhafte Einhörner wirklich gerne. Die Präsentation neigte sich dem Ende. Es war an der Zeit meine Bestellung aufzugeben und mich weiterhin mit der Gastgeberin zu unterhalten, die ich sehr schätze und liebe. Ich erfreute mich meiner Gummibonbon-Einhörner. Ich ließ sogar zwei Einhörner miteinander an der Tischkante interagieren, wiehern, tanzen. Ein bisschen mit ihren Hörnern kämpfen ließ ich sie auch. Was soll ich sagen? Eines davon hat den Kampf verloren und wurde in meinem weißen Spritzer ertränkt. So ist das manchmal im Leben. Manchmal bist du das strahlende, siegessichere Einhorn mit vor Stolz aufgeplusterter Brust; manchmal bist du das selbstmitleidige Looser-Einhorn, dass hofft am Boden des Glases Hoffnung und Trost zu finden. Ich trank den Spritzer weiter und freute mich über den schönen Abend. Und über mein im Spritzer getränktes Gummibonborn-Einhorn, das wuchs und wuchs. Zumindest freute ich mich so lange, bis mir eben selbiges fast im Hals stecken blieb. Ich hatte ja den größten Teil der Konversation aufgrund meiner Einhornkämpfe überhört. Aber bei den Sätzen: „Wenn ich noch mal ein Kind kriege, dann schau ich, dass ich erste Klasse liege. Weil dieses Türkengesindel stinkt immer so dermaßen und die bringen immer so viele Verwandte mit und schnattern ununterbrochen. Nicht auszuhalten.“ konnte ich nicht mehr weghören. Ich spüre wie meine Augen weiter und weiter werden. Es waren einige Krankenschwestern unter den Gästen. Ich bin mir sicher sie wollten einen Schlaganfall-Erstcheck durchführen, hätte ich mir selbst meine Reaktion nicht so dermaßen verboten und im Einhorn-Spritzer ertränkt. Pokerface war angesagt. Es folgte noch einiges an Blabla über stinkende Ausländer. Und hey, ich darf wiedermal betonen, dass ich diesem Menschen keinesfalls seine Erfahrung absprechen möchte. Ja, vermutlich ist es nervig, wenn man grad entbunden hat so viele Leute im Raum zu haben, weil man ja selber noch ganz geschwächt ist und dieses Wunder, dass hier Stunden zuvor passiert ist, selbst noch verarbeiten und begreifen möchte. Es steht mir nicht zu jemandem den Mund zu verbieten. Darauf will ich gar nicht hinaus. Am meisten störte mich an dieser Gesamtsituation eher, dass ich (noch!) nicht die Courage hatte und habe, bei Aussagen wie dieser die Situation zu verlassen. Und mich führten diese Situationen hin zu meiner eigenen Haltung gegenüber Menschen aus anderen Ländern. Und damit war für mich klar: Das würde unbequem für mich selbst werden! Mir geht es in solchen Situationen gar nicht darum, eine endlose Diskussion über „Du hast unrecht – Ich habe recht“ zu führen. Das ist auch unmöglich, weil wir Beide aus unserer Sicht Recht haben. Und ich will mich nicht wieder als Gutmensch beschimpfen lassen, denn das ist ja offensichtlich seit 2015 das jährlich wiederkehrende Unwort hier in Mitteleuropa.

Photo by Christine Kostner Photography  

Worauf ich hinaus möchte

Ich bin allergisch auf:

  1. Pauschalaussagen und -verdächtigungen —> vgl. „Alle Ausländer sind böse.“

  2. Auf Aussagen mit Tendenz zu Verfolgungswahn —> „Alle Ausländer deren Sprache ich nicht spreche, schmieden bestimmt Attentatspläne und beschimpfen mich oder möchten mich ad hoc in die Luft sprengen.“

  3. Aus der Luft gegriffene und bei Zeltfesten mit im Kollektiv erhobenen Biermaßen einstimmig verifizierte Negativaussagen auf unterster menschenwürdiger Ebene zum Thema Körperhygiene —> vgl. „Die Inder, die stinken!

Darauf bin ich wirklich wirklich allergisch! Ich bin Ausländerin überall auf der Welt, nur nicht in Österreich. Was glaube ich, wer ich bin, solche Aussagen früher auch gedacht zu haben oder heute noch immer im Zuge netter Erwachsenenabende mit batterie- und/ oder Akku-betriebenem Erwachsenenspielzeug aus Polyethylen und anderweitigen goodies fürs grown-up-late-night-entertainment zuzuhören?

Ich bin selbst leider auch Rassistin

Ja, das hab ich geschrieben, um deine Aufmerksamkeit zu halten. Anders gesagt, ich hab auch rassistische Anteile in mir. Leider. Tut weh, ist aber wahr. Ich wurde so erzogen oder ich hab mir das Verhalten der großen Menschen mit ihren schlauen Köpfen auf ihren Giraffenhälsern abgeschaut. So war meine damalige Kinderperspektive. Und ich dachte: „Wer so hoch oben denkt und spricht, der muss gesehen haben, wie weit die Welt ist. Weiter denken. Weiter sehen.“ Nix da! In den 90ern schlenderten des Öfteren Menschen mit anderer Hautfarbe als meiner (Alles andere darf man ja laut Knigge schon gar nicht mehr verwenden. In jedem Fall nehme ich diesen Blogpost hier mehr als ernst, das kannst du mir glauben.) zu uns auf den Bauernhof. Meine Großmutter wurde immer ganz hysterisch und scheuchte uns Kinder ins Haus und die Hühner in den Stall. Nicht mal der Hund durfte draußen bleiben, geschweige denn seine Wasserschüssel oder die Jausenbretter mit der Salami und dem selbst gebackenen Brot; die anderen Leckereien, die wir alle eben noch unbeschwert unterm schattigen Nussbaum verspiesen haben (Ich weiß, dass es verspeisten heißt, aber ich liebe es das so zu schreiben). Alle sozialen Interaktionen mussten sofort unterbunden werden. Manchmal fragte ich mich, ob Oma nicht auch noch die Stangenbohnen raus fetzen und die Kartoffeln ausgraben wollte, um ja nichts an potentiellem Diebesgut außer Haus zu lassen. Seltsam war das. Ich verstand als Kind gar nicht was da abging. Solche Situationen fühlten sich als Kind immer massiv bedrohlich an. Manchmal standen die netten Herren mitten im Vorhaus. Naja, aber auch klar, wenn man keine Klingel an der Tür hat am Bergbauernhof und ein Klopfen nicht hört, weil Dampf und Schäumen der Kochtöpfe und plärrende Kinder dieses übertönten. Da kann ich den Herren gar keinen Vorwurf machen, ein paar Schritte ins Haus zu setzen. Wäre die Reaktion eine andere, wären es Männer mit heller Haut? Erst Jahre später merkte ich, was für „finstre“ Geschäfte da abgingen. Die jungen Männer, deren schönstes Styling-Detail jeweils das wärmste und herzlichste Lächeln der Welt war, trugen doch tatsächlich – und jetzt schnall dich an – Glitzerbilder in ihren seitlich umgehängten Tragetaschen. Wohooo, echt finstere Ganoven waren das. Oder? Kennst du diese Bilder noch? Kannst du dich erinnern? Kätzchen, Alpenlandschaften, Engelschutzbilder und so weiter. Ha! Von da an hatte ich meine Großmutter entlarvt. Sie hatte so große Angst vor diesen Menschen, nur weil die Hautfarbe anders war als ihre eigene. Und doch wartete gleich unter der ersten Hautschicht meiner Großmutter schon ein Mensch, der selbst unsicher war, Angst hatte davor anders oder besser gesagt ehrlich zu sich selbst zu sein. Was uns am Gegenüber auffällt, hat leider oft etwas mit uns selbst zu tun. Kenn ich bestens! Deswegen auch meine allergische Reaktion bei der entwertenden Körperhygiene-Aussage gegenüber AusländerInnen. Weil ich selbst auch schon diesen oder ähnliche konditionierte Gedanken hatte. So viele Jahre meines Lebens. Ich dachte die Gedanken anderer, die diese Meinung für gut, richtig und angemessen hielten. Ich habe Äußerungen wie diese als mini Puzzleteil für meine Zugehörigkeit zu dieser Gesellschaft verstanden und viel zu lange nicht hinterfragt. Nun entscheide ich mich aber dagegen bzw. dazu diese Gedanken zu transformieren durch den Versuch täglich neue Gedanken zu erschaffen. Denn dieser rassistische Scheiß ist für mich und meine innere Welt einfach nicht länger vertretbar. Ich seh‘ mich oft im Außen Frühjahrs- oder Weihnachtsputz betreiben, mich die Finger wund schrubben bei der wöchentlichen Bad-Generalsanierung (oder wenn ich emotional besonders belastet bin und mich gar nicht mehr zu artikulieren weiß). Meinen Kopf aber habe ich so lange Zeit nicht gewartet, geputzt, entmistet oder auf Hochglanz gebracht. The time is now.

Meine Großmutter hat jedes Mal ein Bild gekauft

Ja wie jetzt? Aus Angst? Oder weil ihr die Bilder am Ende doch gefielen? Seriously? Kann das wirklich wahr sein? Oder hat sie die Not der finsteren Männer mit den Umhängetaschen eh verstanden? Und dafür der ganze Zirkus. Rund 10 Glitzerbilder zierten Küche und Wohnzimmer. Über der Eckbank und neben dem Herd an der Wand hingen auch welche. Ha! Mir konnte man mit meinen 5 Jahren nichts vormachen. Vgl. Sherlock Cupcake! Worauf ich hinaus will ist, ich verstehe, dass ich noch heute zusammenzucke, ob der Pawlowsch’ konditionierten Hysterie meiner Großmutter, sobald mich ein Schwarzafrikaner/ Farbiger/ Dunkelhäutiger/ Mensch mit anderer Hautpigmentierung (JA! Jetzt hab ich’s doch geschrieben. In aller Wertschätzung. Weil ich dieses mit Samthandschuhen-Getue einfach doch zu doof finde. Weiß doch jeder, dass das hier ein #pro-human-blogpost, #peace-love-ice-cream-blogpost ist). Sie hat’s nicht böse gemeint. Die Angst lässt uns alle seltsame Dinge tun. Und ja, ihr alle da draußen, die ihr nun mit Schaum vorm Mund drauf wartet, endlich hasserfüllt in die Tasten zu hauen und mir hier einen negativ-Bericht nach dem nächsten mit ach so gut recherchierte Zahlen über Mindestsicherungen und Co. um die Ohren zu hauen und, dass die alle so viel absahnen etc. Fragt euch stattdessen einfach, was ihr heute Gutes für die Welt tun könnt. Zuerst für euch selbst, dann für die Person neben euch. Nicht mehr – nicht weniger. Meine und deine Wahrnehmung sind schon in Ordnung. Und es lohnt sich nicht über richtig oder falsch zu debattieren. Ich denke, was gesamtgesellschaftlich fehlt sind acts of peace (klingt im Englischen irgendwie schöner und größer. Und drückt tatsächlich das aus, was ich fühle). Nicht das Gelaber und die Streitereien über richtige und falsche Sichtweisen sind entscheidend, sondern unser Handlungen. Was kannst du heute für deinen türkischen Nachbarn tun, um euren Tag schöner werden zu lassen? Oder den russischen Busfahrer? Oder für die serbische Reinigungskraft im Büro? Für den kroatischen Portier? Integration wirft viele Fragen auf, kann in viele Richtungen gedacht werden. Die Probleme von Krisenländern sind im eigenen Land zu bewältigen, ein Wiederaufbau unbedingt zu befürworten. Integration – also die Einbürgerung von Menschen in ein neues Land/ eine neue Kultur – ist ein Tropfen auf den heißen Stein, nur ein temporärer Lösungsversuch. Müsstest du deine Heimat verlassen, würdest du nicht auch die Hoffnung mit dir und deinen wenigen Habseligkeiten im Gepäck tragen, eines Tages wieder zurückkehren zu dürfen? Integration wird auf Egoebene so groß diskutiert, aber es passiert in den Herzen der Menschen so wenig. Demgegenüber passiert in den Köpfen (vgl. Reptilienhirn) wiederum so viel, wenn ein Asylheim brennt. Wenn ich bedenke, wie viele Tote es in Krisenregionen zu beerdigen gäbe, wie viele Schulen wieder aufzubauen, wie viele Wasser- und Stromleitungen zu installieren wären u.v.m. Es gibt so viel zu tun. Und dieses Tun beginnt genau mit der Transformation meiner eigenen rassistischen Gedanken. Das ist der Ursprung. Die Menschen, die aktuell hier bei uns Zuflucht suchen, sind mehr denn je als Menschen zu betrachten. Es gibt gute, weniger gute und Menschen mit dunklen Absichten. Und ich schreibe an dieser Stelle leider nicht länger übers Glitzerbilder verkaufen. Die gibt es aber in Österreich und in allen Ländern auf der Welt. Denn Wahnsinn ist keine Frage der Herkunft, sondern eine Frage des Futters für den menschlichen Geist. Wie Nahrung für den Körper Gift oder Heilung sein kann, sind auch Gedanken, Haltungen und Ideologien Gift oder Heilung. Für den Moment sei gesagt: Sieh einfach den Menschen vor dir. Nicht die Hautfarbe oder die medial teils aufgebauschte Kriminalitätsstatistik. Kriminelle Handlungen, Vergewaltigungen, Tod, Mord sind keine Frage der Hautfarbe, sondern der Geisteshaltung oder Ausdruck des geistigen Wahnsinns, der leider in uns allen schlummert. Die animalischen, mordlüsternen Anteile, die tief im Dunkeln dahin siechen. Sie sind da. Auch in dir. Potential haben wir alle. Indem wir uns über Menschen anderer Herkunft/ Kulturen erheben sind wir aber nicht besser als sie. Im Gegenteil, es bringt uns auf dieselbe niedere humanitäre Bewusstseinsstufe, sodass Gewalt, Mord und Tatschlag wieder von vorne beginnen. Und da wollten wir ja eigentlich nicht hin, oder?

In der Ablehnung des Gegenüber ist auch immer ein Teil von dir selbst verborgen. Was lehnst du an und in dir selbst ab? Das Böse wohnt dem Menschen inne, genau wie das Gute. Du und ich, wir entscheiden heute: Zerstören wir oder erschaffen wir. Wähle du, was du heute noch Gutes für dich und den Menschen neben dir tun möchtest. Das ist schon alles was zu tun notwendig ist. Wenn viele Menschen das an vielen Orten der Welt tun, ist eben diese dann doch nicht mehr so hoffnungslos verloren, wie gedacht.

3 thoughts

  1. Ganz, ganz toller Text und ich verstehe auch deine Sprachlosigkeit bei diesen dämlichen Kommentaren, weil man selber schon so feinfühlig geworden ist, dass man anderen die negative Erfahrung nicht absprechen möchte.
    Ich finde deine Fazit daher sehr gelungen – sehr schlicht, aber eine große Wirkung hätte es, wenn wir uns alle ein wenig freundlicher begegnen würden.

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    1. Danke liebe Frau Traumenit. Jap, leider war und bin ich selbst auch noch voller dämlicher Kommentare. Aber: work-in-progress. Es wird immer besser, bewusster, leichter das zu sagen/ zu tun, was ich eigentlich möchte. Ich bin ganz deiner Meinung: Mit ein wenig Freundlichkeit uns selbst und unserem Gegenüber sähe die Welt wieder bunter aus.

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      1. Ein wenig Fachwissen *husthust*: Deine Kommentare im Kopf sind nur Stereotypen, das ist ganz normal und auch nicht schlimm. Uneinhörnig wird es erst, wenn es Vorurteile werden. Durch ähnliche Sozialisation wie du weiß ich außerdem, wie schwer es ist, gegen die eigenen Schubladen im Kopf zu arbeiten. Also – kein Stress!^^

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