Bereit für das Chaos?

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Niemand bereitet dich auf den Moment vor, wenn ein Mensch, den du liebst, die letzten strapaziösen Atemzüge wagt, die Haut vergilbt, die traurige Audiountermalung der Nullerlinie am Beatmungsgerät sich durch Mark und Bein bohrt und alles, was den Menschen vor dir mal ausmachte, den Raum verlässt, sodass alles was bleibt, eine verbrauchte Hülle ist. Dennoch bevorzugen wir es, in unserer gewohnten Ordnung zu verweilen, sodass sich auch der darauf folgende Tod wie heilloses Chaos anfühlt.

Ordnung ist das halbe Leben

Wir lernen angepasst zu sein, ordentlich. Ordnung ist wichtig. Dem stimme ich als 25erin (Kabbala verrät hier spannende Details zu unserem Lebenssinn) und Sternzeichen Jungfrau Geborene durchaus zu. Ich liebe es, Dinge, die mir Freude bereiten um mich zu ordnen. Ebenso, liebe ich es, jene Dinge dankbar gehen zu lassen, die sich als sinnlos und wenig freudvoll entpuppen. Die Ordnung, die ich für nicht länger angebracht halte, ist die, die über die Jahre der Erziehung, Sozialisation, sowie der selbst erfüllenden Prophezeiungen unseres Selbstkonzepts zu einer inneren zwanghaft strafenden Stimme mutiert. Die Stimme, die dir sagt:

„Nein, du kannst unmöglich früher aus der Arbeit raus, um mit Freunden schwimmen zu gehen.“

„Du kannst unmöglich das Sabbatical Formular ausfüllen, wo du doch in der Arbeit fünfzig Stunden pro Woche gebraucht wirst. Der Aufstieg kommt schon. Gewiss! Du musst dich weiter beweisen, kämpfen, machen, laufen.“ *

„Klar nimmst du den fucking vierhundert Tausend Euro Kredit auf, obwohl er dich bis in die Unendlichkeit überforderst. Klar, du würdest viel lieber eine simple fünfundachtzig Quadratmeter Mietwohnung wählen. Du weißt genau, dass dich Besitz dieser Größenordnung massiv belastet. Aber was solls? Das macht man so in deinem Alter.“

„Du musst dringend die hundert Euro Schuhe kaufen, den neuen Mercedes auf Kreide, den dreiwöchigen Amazonas-Entdecker-Urlaub weiterhin zwischen Status unbestimmt und niemals gedanklich hin- und her wälzen. Schließlich wollen Fassade und Dach erneuert und die Kinder in Früherziehung, Reit- und Fußballcamp geschickt werden.“

„Nein, du hast keine Zeit für das Leben. Zeit für dein schönes Leben.“

Ist das die Ordnung, die es sich aufrecht zu halten lohnt, oder ist es Zeit dich dem Chaos hinzugeben? Es ist ja ohnehin da, warum also weiterhin vermeiden?

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Verschieb dein Leben nicht auf Irgendwann

…denn Irgendwann holt der Tod dich und mich aus dieser künstlichen Ordnung, die wir gelernt haben, als unsere Realität anzuerkennen. Unausweichlich. Unveränderbar! Ordnung hat für mich auch einen Beigeschmack von Kontrolle. Ich will gefälligst wissen wo die Dinge sind. Ich will wissen, wer ich mit Ü30 zu sein habe. Wo also bin nach dem Tod? Warum ist tot sein kein fassbarer Seinszustand? Warum übersteigt das Verstand und räumliche Vorstellungskraft? Fragen, die mich während meiner Therapie die ersten Jahre nahezu aufgefressen haben. Bis in den nächsten Morgen haben sie mich verfolgt, des Schlafes beraubt. Heute? Da schmunzle ich und staune über dieses großartige Leben. Ich bewundere die schönen Dinge, die ich bereits spüren und wahrnehmen darf. Ich weiß, da kommt noch viel mehr und ich freu’ mich drauf. 

Ob du willst oder nicht: Das Chaos ist Teil von dir

Der Tod holt die Menschen, die wir lieben aus der Ordnung. Aus der Ordnung in unseren Köpfen. Mein Kopf ließ mich lange Zeit glauben, sterben und tot sein wäre etwas für die Anderen. Niemand von uns kommt lebend hier raus, also frag dich, ob du Chaos und Ordnung in deinem System nicht mal vorsichtig auf nachmittäglichen Kaffee schicken solltest. Auf dass sie sich diesem schwierig schweren Themen näherten. Zumindest, um nach dem Zucker zu fragen oder, um höflich übers Wetter zu tratschen.

All diese Ich-kann-nichts. Wofür haben wir überhaupt noch Zeit, wenn wir die kognitiven Prozesse unseres Arbeitsspeichers (Kopfes) ständig mit nutzloser Hirnwixerei füttern. Was denken die Menschen über mich? Wie schaut das denn aus, so über dreißig ohne Kinder, erste Scheidung/ Trennung, fünfzehnter Job, wieder gescheitertes Start up? Scheiß egal. Immerhin hast du was riskiert, ein Modell probiert! Letztlich ist es egal wie du lebst, wen oder wie viele Menschen du liebst, welches Beziehungsmodell du wählst, wo und wie oft du arbeitest, welche Ernährungsvariante für dich richtig ist, ob du rauchst, gelegentlich kiffst, deinen Chihuahua in dämlich peinlich pinke Regenhäute packst, sodass sie aussehen wie kandierte Knackwürste. Das Haus-Kind-Garten-Hund-Baum Schema hat seine Daseinsberechtigung. Absolut! Dummerweise funktioniert es für ganz ganz viele Menschen nur so überhaupt nicht! Weil das Leben nicht so einfach ist. Bitter wird es, wenn das Haus-Kind-Garten-Hund-Baum Schema rasch zum Lass-uns-unglücklich-verheiratet-oder-in-Leidensgemeinschaft-bleiben-und-pathologische-Verbalattacken-und-oder-physische-Gewalt-in-Kombination-mit-Alkoholismus-zelebrieren Muster mutiert. Ist das dann das Leben, auf das uns alle so viele Jahre vorbereitet haben? Weil da mehr für uns unmöglich drin sein kann? Lass uns uns das alles aushalten, bis wir in die Kiste fallen? Lass uns Kinder machen, weil das unsere instabile Beziehung retten könnte? Lass uns Kinder machen, weil man das halt so macht kurz vor oder knapp über dreißig?

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Und doch stecken hinter Handlungen und Überlegungen wie diesen lauter unausgesprochene Ängste. Die Angst vor dem nicht-mehr-sein; dem Tod. Die Angst vor dem alleine sein. Die Angst nicht zu genügen oder weiß der Kuckuck. Ist das die Linearität und Ordnung, die es zu wahren gilt, weil ein Ausbruch als viel zu prekär, arrogant, abnormal gelte? Was aber, wenn der Ausbruch aus dieser zwanghaft Luft abschnürenden Linearität bedeutete, dass ich und du unserem Lebensglück gigantische Schritte näher kämen? Weil wir lebten, was wir wirklich liebten! Weil wir lebten, was wir wirklich sind! Weil wir echter würden und keine traurig, inhaltsleere Version unserer selbst wären. Weil wir das Leben endlich in seiner Größe verstünden. Ich weiß, dass alles klingt mancher Stelle wirr, weil mein Kopf mir diese Gedanken ungefiltert einspielt und mein Schreibstil verworren und verquirrlt ist. Auch eine linear ordentliche Zuschreibung, die ich unlängst von Verlagsseite erhielt. So what? Dann denke, schreibe, fühle ich eben verworren verquirrlt! Fühlt sich für mich noch immer authentischer, wacher und klarer an, als alles an Ordnung und Linearität, der ich mich bisher ungefragt resignierend hingegebnen habe.

Die Kategorisierung dieses großen Lebens

Ich erinnere mich an ein Beratungsgespräch mit meinem Versicherungsmakler vor vielen Jahren. Er stellte mein Leben auf einer Linie dar. Eine simple Linie auf chlorgebleichtem Papier, Format DIN A4. Auf einem Abschnitt der Linie linksseitig verdeutlichte er mir, wie viele Jahre schon hinter mir lagen. Er packte all die schönen, bittersüßen und auch die finsteren Erinnerungen, die mein großes Leben – das Universum in mir und meinem wunderschönen Körper eigentlich bilden – in Lebensphasen, durch Linien abgetrennt. Plump blickte ich auf mein lineares Leben. Kindheit, Jugend, Pubertät hatte er schnell abgehakt. Da gab es versicherungstechnisch nix zu holen. Spannend wurde es ab der Studienabschluss,- Jungfamilien bzw. in-Lebensgemeinschaft-wohnend-die-Familienplanung-andenkend-Phase. Mit einem Schnalzlaut macht er klar, ich hätte mit spätestens achtzehn Jahren anfangen sollen meine private Pensionsvorsorge einzuzahlen. So ging es eine Weile weiter, die Linie zog er fort, bis er die durchschnittliche Lebensdauer markierte und die Tatsache, dass Frauen im Schnitt sieben bis zehn Jahre länger leben mit einem verlegen lauten Lacher untermalte.

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Wessen Leben lebst du?

Ist es nicht merkwürdig, wie sehr wir uns mit Essen, Schlafen, Beten (für die religiösen LeserInnen), Unterhaltung beschäftigen, anstatt über unseren Daseins-Zweck in diesem großen, schwarzen, unendlich weiten Universum zu sprechen? Sind wir allen ernstes weiterhin der Ansicht, wir wären hier, um gut fünfundvierzig Jahre zu arbeiten, dann noch ein wenig die pupsenden Enkelkinder zu schaukeln und Leben und Welt wieder zu verlassen? Die Lebenslinie erstreckt sich über ein schlichtes Blatt Papier, von Versicherungsmaklern dieser Welt, kategorisiert nach verschiedenen Phasen. Was aber geschieht in den einzelnen Zwischenräumen? Ist Leben tatsächlich so einfach zu erfassen? Ist es nicht frech und töricht das Leben so klein zu denken? Ich bin nicht länger bereit das so hinzunehmen und mich weiterhin vor der Großartigkeit dieses Lebens zu verstecken.

So viel ist klar: Lebensmüdes Jammern über einen herannahenden Montag, Gespräche am Arbeitsplatz wie lange man denn noch bis zum ultimativen Ziel – der Pensionierung: Dem Moment, wo das Leben starten würde, oder Hassansprachen über ArbeitnehmerInnen, die Aufstiege nicht verdienten, Gehaltserhöhungen oder sonstiges, sind in meiner Gegenwart Fehl am Platz. Was du mit mir gerne besprechen kannst, ist der Tod. Weil er dich und mich auch dem Leben näher bringt. In der Auseinandersetzung mit unserer Vergänglichkeit liegt so viel Schönheit, Leidenschaft. Er ist ohnehin täglich präsent. Für mich zumindest. Für dich auch? Ich möchte mich jetzt mit dem Chaos beschäftigen, bevor es mich und mein kleines Herz zerfetzt in dem Moment, als das Telefon klingelt und mir eine zittrig bibbernde Stimme am anderen Ende verrät, dass meine Mutter, einer meiner Brüder, ein lieber Freund, eine nahe Freundin die Dimension gewechselt hat.

Der Glaube an die höhere Ordnung

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Wenn es eine Ordnung gibt an die ich inniglich glaube, ist es eine höhere Ordnung. Die Ordnung, die uns täglich signalisiert, dass es Zeit ist aufzuwachen. Die Ordnung, die unzählige Mengen an Blut durch unseren gesamten Organismus zirkulieren lässt. Die Ordnung, die ganz bewusst Beginn und Ende unserer Materie definiert. Heute weiß ich, dass es nie um die Angst vor dem Sterben ging. Es ging um die immer um Tot-SEIN und damit einhegend um die Angst vor dem Leben. Heute beginne ich ansatzweise zu begreifen, dass diese höhere Ordnung seinen Sinn hat und ich mich voll ins Vertrauen begeben kann. Ich habe die Entscheidung hier in diesem Körper, in dieser Epoche, an diesem Fleck der Erde, in genau diese Familie geboren zu sein alles andere als bewusst getroffen. Die höhere Ordnung spendet Leben. Wie frech wäre es also zu behaupten, ich wäre jemandem ausgeliefert, der bestimmte, wann ich sterben müsse? Klar ist es auch diese Ordnung da draußen und im Universum in mir, die den Zeitpunkt zu gehen bestimmt. Sie bestimmt den Zeitpunkt, wann Bäume ihre Blätter fallen lassen und Tiere im Winter in mehrwöchige Trancezustände übergehen, um möglichst wenig Energie zu verbrauchen oder die Gezeiten des Meeres, den Wechsel von Tag zu Nacht. Das ist mir vertrauensvolle, wahrhaftige Erklärung genug. Mehr vermessen, erklären und ordnen muss ich mir die Welt nicht. Dieser Gedanke macht mich stark und zuversichtlich.

Bist du auch bereit das Chaos anzunehmen? Das Chaos als wesentlichen Bestandteil deiner Existenz? Ich bin es in mini Schritten. Jeden Tag ein wenig mehr. Es braucht Mut. Für gewöhnlich ist man gemeinsam leichter mutig. Und zudem ist man zusammen auch weniger allein. Falls du dich in ein oder zwei Gedanken in diesem Text wieder gefunden hast, freue ich mich über deinen Kommentar. Wie du siehst, bist du nicht allein. Für nachmittäglichen Kaffee, Gespräche über Chaos, Ordnung, (Nicht)Sein, Leben und Tod stehe ich ganz echt und real ebenfalls zur Verfügung.

* Bis zu dem Punkt deines Lebens an dem sich die Karriereleiter als von der Sonne vergilbte Hüpfburg entpuppt, auf der wir herum poltern und -purzeln, sodass klar wird, dass wir uns auf einer Kindergeburtstagsparty in erwachsenen Körpern befinden mit schlechten Manieren, üppig Hüftgold von der Geburtstagstorte und kaltem Angstschweiß wegen der fiesen Clowns mit den Fratzen.

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