Ein Leben nach deinem Suizid

Heute sind es genau sechs Monate. Ein halbes Jahr, das sich anfühlt wie eine Ewigkeit und doch wie ein Wimpernschlag. Sechs Monate seit dem Tag, an dem du gegangen bist. Sechs Monate ohne deine Stimme, ohne dein Lachen, wenn du mit Elena zusammen bist, ohne deine Umarmungen an sie. Sechs Monate, in denen der Schmerz nicht nachgelassen hat und doch so viel Bewusstheit ihren Lauf nehmen durfte, sodass Liebe und Dankbarkeit über deine Existenz überwiegen.

Ich erinnere mich noch an den Moment, als die Nachricht kam. Es war, als hätte jemand die Zeit angehalten, als wäre die Welt stehen geblieben. Die anderen gingen weiter, als wäre nichts passiert. Doch für uns, für Elena, für mich, hat sich alles verändert. Unwiderruflich. Ich blickte an diesem 38° heißen August-Tag in die großen, blauen Augen unserer Tochter, die fragte: „Mama, was ist los?“ und ich atmete tief durch und sagte: „Ich muss dir etwas ganz trauriges sagen. Dein Papa ist leider gestorben.“ Wir umarmten uns und weinten. Ich hörte dich weinen und schluchzen wie nie zuvor.

Wie kann man begreifen, dass ein Mensch, der schon Jahre davor von depressiver Krankheit und persönlichkeitsverzerrten Side-Diagnosen geplagt, die Hinwendung nicht schaffte und sich nun entschied, zu gehen? Dass du, der so oft stark war für andere, der gesellig, wander- reise- und abenteuerlustik, kochbegeistert mit einem riesigen Herzen für Kinder, Fische und Coldplay in deiner dunkelsten Stunde niemanden um Hilfe gebeten hast? Dass du alleine warst in diesem letzten Moment? So oft umarme ich dich im Geist und versuche dich sanft vom Strick zu entlassen. Und doch weiß ich: Es war und ist nicht meine Verantwortung. Loslassen. Die Köngigsliga.

Ich frage mich immer wieder: Hättest du es dir anders überlegt, wenn du gewusst hättest, wie sehr du fehlst? Wie viel Schmerz du hinterlässt? Wie sehr deine Tochter dich in Zukunft noch brauchen wird und wie viele einzigartige Momente du mit ihr verpasst? Wie viele formale Dinge unklar und wirr sind. Die Wohnung, die in jedem Quadratmilimeter durch und durch du bist. Wenn du sehen könntest, wie Elena dich vermisst, wie oft sie von dir spricht, ihre kleinen Erinnerungen an dich wie kostbare Schätze bewahrt? Gerade gestern und heute morgen sprachen wir wieder über dich, lachten über deinen steten Sinn für Schabernack und lassen dich so lebendig bleiben. Hättest du noch einen Tag durchgehalten, wenn du gespürt hättest, wie unendlich du geliebt wurdest?

Es gibt so viele „Was wäre wenn?“, so viele unbeantwortete Fragen. Aber keine Antworten. Nur Stille. Eine Lücke, die nichts füllen kann. Ein Schmerz, der mit der Zeit nicht kleiner wird, aber anders, weil Bewusstseinserweiterung die einzig notwendige und mögliche Konsequenz aus deinem Suizid ist, die uns bleibt.

Sechs Monate sind vergangen. Und wir leben weiter. Irgendwie. Für Elena. Weil wir das Leben trotzdem oder gerade wegen deiner Entscheidung umso mehr bedingungslos annehmen und lieben lernen. Aber du fehlst deiner Tochter. Jeden einzelnen Tag.

Suizid ist ein Thema, über das wir viel zu selten sprechen – sei es aus Angst, Unsicherheit oder gesellschaftlichem Stigma. Doch genau das ist das Problem. Psychische Gesundheit muss genauso ernst genommen werden wie körperliche. Kein Mensch sollte sich so allein fühlen, dass er keinen anderen Ausweg sieht.

Ich habe in dieser Zeit viel gelernt. Über Trauer. Über Resilienz. Über die unglaubliche Kraft von Unterstützung – durch Familie, Freunde und Kolleg:innen. Und besonders über die entfesselnd-inspirierende Kraft von Psychotherapie. Dem „dig-deep“ in die Untiefen meiner eigenen Seele; die Innenschau in alle ideologischen Konzepte meines verirrten Geistes von Schuld, Scham, Wut.

Ich habe viel gelernt über die Notwendigkeit, dass wir in unserer Gesellschaft einen offeneren Umgang mit mentaler Gesundheit finden müssen. Und über die Erkenntnis, dass es immer nur das JETZT gibt das belebt werden kann, weil ich im Tagesbewusstsein nicht weiß, wie viele Tage, Wochen oder Jahre ich noch in meinem Körper wohnen werde. Die Seele kennt den Plan.

Wenn du dies liest und selbst kämpfst: Du bist nicht allein. Es gibt Menschen, die dich sehen, die für dich da sind. Bitte sprich mit jemandem – noch heute!

Und an alle, die das Gefühl haben, dass jemand in ihrem Umfeld leidet: Fragt nach. Hört zu. Manchmal kann ein Gespräch den entscheidenden Unterschied machen.

Lasst uns gemeinsam daran arbeiten, dass niemand das Gefühl hat, alleine kämpfen zu müssen. Erzähl‘ mir mehr über dich in den Kommentaren! Welche Erfahrung hast du mit Suizid oder mit seelischen Krisen?

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5 thoughts

  1. Liebe Heidi,
    es tut mir furchtbar leid. Mir fehlen die Worte
    Ich umarme dich und deine Elena.
    Herzlichst deine Anna

    Von meinem/meiner Galaxy gesendet

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  2. Ich wünsche dir und deiner Tochter ganz viel Kraft für diese schwere Zeit. Ein sehr starker und bewegender Text. Ich stimme dir voll und ganz zu, es sollte viel mehr über seelische Wunden und Probleme gesprochen werden. Es ist eine Krankheit, ein Schmerz, ein Problem.. nur dass es eben die Seele und nicht (oder über kurz oder lang dann doch) den Körper betrifft. Wie Paul Pizzera mal gesagt hat: „Wenn ich Schmerzen physischer Natur habe, gehe ich zum Arzt. Warum also nicht, wenn mir das Herz oder die Seele weh tut?“

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  3. Berührende Worte Heidi , ich hab Tränen in den Augen. Eine Erfahrung im Leben, die man lieber missen möchte. So wichtig dieses Thema nicht verstummen zu lassen!
    Fühlt euch gedrückt ♥️

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